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Was hat der Untergang eines Kreuzfahrtschiffes
mit Arbeitsschutz zu tun?

Hannes-Christian Blume, Sicherheitsingenieur

Viele Leser werden sich an die Ereignisse und die unglaublichen Bilder des 13. Januar 2012 erinnern. Die mit 4.229 Menschen besetzte Costa Concordia rammt nahe der toskanischen Insel Giglio einen Felsen und läuft 50 Meter vor der Küste auf Grund. Der Kapitän spielt den Unfall herunter, erst eine Stunde nach der Kollision beginnt die Evakuierung. Auch hier verläuft nicht alles nach einem Plan. Letztendlich verlieren hierbei 32 Menschen, - Gäste und Besatzung -, ihr Leben. Darunter waren 12 Deutsche. Viele der Beteiligten werden die Ereignisse bis an ihr Lebensende nicht vergessen.

Die italienische Justiz wurde mittlerweile tätig und hat bisher folgende strafrechtliche Urteile gesprochen.
Die Reederei Costa Crociere als Eigentümer und Betreiber der Costa Concordia wurde zu 1.000.000,- € Geldstrafe verurteilt und entging durch diesen Vergleich, einer weiteren Fortsetzung des Strafprozesses.
Am 17. Juli 2013 begann der Prozess gegen Kapitän Schettino. Ihm drohen bis zu 20 Jahren Haft.
Die fünf Mitangeklagten Schiffsoffiziere wurden zu Haftstrafen zwischen 18 und 34 Monaten verurteilt.

Die Reederei als Eigentümer der Costa Concordia zahlt jedem Passagier als Schadenersatz
pauschal eine Entschädigung in Höhe von 11.000,- € je Person, sowie eine Kostenerstattung des zusätzlichen Aufwandes. Das macht zusammen etwa
43.000.000,- €.
Die Aufwendungen für Tod, Körperschäden, Heilbehandlung, Rehabilitation usw. der Geschädigten sind hierin noch nicht enthalten.

Das Gericht in Grosseto lässt weitere 250 (!) Nebenkläger zu, unter ihnen die Insel Giglio und den italienischen Staat. Der entstehende Schadenersatzanspruch ist noch nicht abzusehen.

Weitere Kosten werden der Reederei durch die Regressforderung der italienischen Unfallversicherung und die entstandenen Toten und die Körperschäden der ausländischen Gäste, insbesondere der amerikanischen, entstehen. Diese haben bereits mit Sammelklagen in New York ihre Ansprüche angemeldet.

Der größte Anteil wird letztendlich die Bergungsaktion, bis hin zur Verschrottung sein. Hier spricht man von bis zu 200.000.000.- €. Hinzu kommen noch der Umsatzausfall des Kreuzfahrtschiffes und der Imageschaden für die Kreuzfahrtschiffe der Reederei Costa Crociere.
Insgesamt sind nach derzeitigen Schätzungen etwa 244.000.000,- €  vom Unternehmen Costa Crociere als Verluste zu verkraften.

Worin besteht hier ein Zusammenhang mit Arbeitsschutz in Sachsen-Anhalt?

Costa-Concordia-w11Nun ja, es handelt sich beim Kreuzfahrtschiff Costa Concordia ganz einfach um ein Unternehmen, dessen Zweck die mobile Beherbergung von Gästen ist. Der Unternehmer und Arbeitgeber, hier die Reederei als Eigentümer des Kreuzfahrtschiffes, hat somit nicht nur für die Sicherheit und Gesundheit der Beschäftigten auf dem Schiff zu sorgen, sondern auch für die, der ihm anvertrauten Gäste.

Das bedeutet vergleichsweise eine ähnliche Verantwortungssituation wie für einen Krankenhauseigentümer oder einen Pflegeheimbetreiber.


Glücklich dürfen sich da die Unternehmer schätzen, die ohne Passagiere, Gäste, Patienten, Bewohner auskommen. Und das sind wohl viele Unternehmen in Sachsen-Anhalt.

Das Arbeitsjahr 2013 in Sachsen Anhalt – Im Arbeitsschutz alles o.k.?

Das Arbeitsjahr 2013 bedeutete für eine Vielzahl von Menschen, die täglich ihrer Arbeit nachgehen, ein furchtbares Ereignis, ein jähes Ende oder eine erhebliche Änderung des bisherigen Lebens.
Viele Familien verloren den Vater, Großvater, Sohn oder Tochter bei der schönsten Sache im Leben – der Arbeit. Der Arbeit, die uns sozialisiert, uns unseren Wohlstand ermöglicht und oft auch richtig Spaß macht.
Betriebe verloren ihre Mitarbeiter, die sich oft jahrelang kannten und denen man wegen ihrer fleißigen guten Arbeit vertraute. Und Betriebe verloren Geld, das vorher schwer verdient werden musste und nun fehlt für Löhne, Reparaturen oder Investitionen.

Arbeitgeber tragen heute eine hohe Verantwortung für die Sicherheit und die Gesundheit der Menschen, die sie beschäftigen. Die heutigen Arbeitsschutz- vorschriften kommen aus Europa, damit für alle Arbeitenden in Europa die Arbeit sicherer und gesünder, kurz besser wird.
Alle Arbeitgeber in Europa müssen für ihr Unternehmen ein betriebliches, individuelles Schutzkonzept für alle Beschäftigten erarbeiten und dieses Schutzkonzept regelmäßig schulen und verbessern. Das Schutzkonzept wird umgangssprachlich auch als Gefährdungsbeurteilung oder Arbeitsschutzmanagement bezeichnet.
Und auch das ist neu, die Verantwortlichen für die Umsetzung werden mindestens nach Unfällen, straf- und zivilrechtlich umfangreich bedroht und auch verurteilt.

Ein Artikel in der Volksstimme vom 23.04.2014 mit der Überschrift „Die Zahl der Arbeitsunfälle sinkt - Dank strengerer Vorschriften“ gab Veranlassung zu den nachfolgenden Überlegungen.

Als Blickfang zu diesem Artikel dient ein Bild, das einen Gerüstbauer bei der Arbeit zeigt - ohne Absturzsicherung. Wie passt das zusammen?

Im Artikel wird beispielhaft über die Anzahl tödlich verlaufener Arbeitstage berichtet. Für Sachsen-Anhalt sind für das Jahr 2013 insgesamt 12 Tote bei der Arbeit registriert. Über das vielfache Leid von Tausenden, die sich bei der Arbeit verletzten oder unsichtbare Schäden erlitten, wurde nicht berichtet. Diese Ereignisse und Zahlen verstecken sich in Statistiken, das Leid in den Familien und die Verluste in den Bilanzen der Arbeitgeber.

Deshalb hier aus der Sicht eines Beratungs- und Ausbildungsunternehmens für Arbeitsschutz, nachfolgende Anmerkungen für Arbeitgeber zu den möglichen Ursachen für einige dieser vermeidbaren Unfälle in Sachsen-Anhalt.

Januar 2013
Es gibt Bauunternehmen, die einen Auftrag zum Abbruch von Gebäuden übernehmen. Dazu verwenden diese wegen fehlender vorhergehender Abbruchplanung einen ungeeigneten Bagger. Die Beschäftigten stellen diesen Bagger wegen fehlender vorhergehender Abbruchplanung auf einen selbstgebauten Hügel, kippen dann den Bagger um und erschlagen den neben seinem Führerhaus im Schwenkbereich des Kranes stehenden LKW Berufskraftfahrer. In der Folge begeht der Baggerfahrer Selbstmord. (Angaben ohne Gewähr).
Ursachen: Die unternehmerische Planung und Umsetzung der Arbeiten durch den Arbeitgeber (AG) und die fachlich-organisatorische Aufsicht durch die verantwortliche Führungskraft vor Ort (FVO) war unzureichend, bzw. fehlte. Foto.

Im Einzelnen sind immer wieder folgende Mängel ursächlich für Unfälle:
Fehlende bzw. unzureichende Planung, Ausführung und Koordination des Bauvorhabens,
fehlende Kenntnisse der Betriebsanleitung der Arbeitsmittel, mangelhafte Ausbildung, Erfahrung und Unterweisung des Bedieners und die fehlende Aufsichtsführung durch den Verantwortlichen vor Ort.

Am folgenden Tag nebenan auf einer Baustelle

Costa-Concordia-w1Es gibt Bauunternehmen, die einen Bagger auf das Flachdach im sechsten Geschoss heben  und dann mit dem Bagger die Geschossdecke aufstemmen. Hierüber kann nicht berichtet werden, da der weitere Verlauf nicht öffentlich bekannt wurde.

 

 

 

 

 

Juli 2013
Es gibt Unternehmen, die einen Auftrag zur Demontage von Stahlregalen übernehmen. Dazu verwenden diese wegen fehlender vorhergehender Demontageplanung u.a. einen ungeeigneten Gabelstapler. Die Beschäftigten verwenden wegen fehlender vorhergehender Demontageplanung den Gabelstapler nicht bestimmungsgemäß und sichern die Zwischenzustände der demontierten Teile nicht. Die kippenden Regalteile erschlagen einen der mit den Demontagearbeiten beauftragten Mitarbeiter.
Ursachen: Die unternehmerische Planung und Umsetzung der Arbeiten durch den Arbeitgeber (AG) und die fachlich-organisatorische Aufsicht durch die verantwortliche Führungskraft vor Ort (FVO) war unzureichend, bzw. fehlte.

August 2013
Es gibt Städte und Gemeinden, die einen Auftrag zur Wahrnehmung landschafts- pflegerischer Arbeiten haben und so z.B. Arbeiten zur Beräumung von Überschwemmungsflächen durchführen. Dazu verwenden diese einen Radlader. Den Auftrag zur Ausführung der Arbeiten erhält ein Ferienschüler. Der Ferienschüler ist offensichtlich nicht für dieses Arbeitsgerät geeignet, nicht ausgebildet, nicht eingewiesen, noch verfügt er über entsprechende Erfahrungen zum Führen eines Radladers. Deshalb kippt er beim regelwidrigen Befahren eines Dammes um und wird in der Folge vom Arbeitsgerät erschlagen.
Ursachen: Die unternehmerische Planung und Umsetzung der Arbeiten durch den Arbeitgeber (AG) und die fachlich-organisatorische Aufsicht durch die verantwortliche Führungskraft vor Ort (FVO) war unzureichend, bzw. fehlte.

Costa-Concordia-w12Oktober 2013
Es gibt Unternehmen, die einen Auftrag zu Dacharbeiten an einer Industriehalle übernehmen. Die Beschäftigten haben wegen fehlender vorhergehender Arbeitsplanung kein Wissen über die Verkehrswege auf dem Dach und die Bereiche die nicht belastbar bzw. begehbar sind. Sicherungseinrichtungen sind offenbar nicht vorhanden. In der Folge kommt es zum tödlichen Absturz eines mit den Arbeiten beauftragten Mitarbeiters, aus einer Höhe von mehr als zehn Metern.
In diesem Fall hat der Auftraggeber gleichfalls Pflichten verletzt, seinen Auftragnehmer über die vorliegenden Gefährdungen zu informieren.

Ursachen: Die unternehmerische Planung und Umsetzung der Arbeiten durch den Arbeitgeber (AG) und die fachlich-organisatorische Aufsicht durch die verantwortliche Führungskraft vor Ort (FVO) war unzureichend, bzw. fehlte.

November 2013
Und jetzt die gleichen Ereignisse nochmals!
Es gibt Unternehmen, die einen Auftrag zur Installation einer Solaranlage an einer Industriehalle übernehmen. Die Beschäftigten haben wegen fehlender vorhergehender Arbeitsplanung kein Wissen über die Verkehrswege auf dem Dach und die Bereiche die nicht belastbar bzw. begehbar sind. Sicherungseinrichtungen sind offenbar nicht vorhanden. In der Folge kommt es zum tödlichen Absturz eines mit den Arbeiten beauftragten Mitarbeiters, aus einer Höhe von mehr als zehn Metern.
In diesem Fall hat der Auftraggeber wiederholt Pflichten verletzt, seinen Auftragnehmer über die vorliegenden Gefährdungen zu informieren. Konsequenzen aus dem vorhergehenden Absturz erfolgten offensichtlich nicht.
Ursachen: Die unternehmerische Planung und Umsetzung der Arbeiten durch den Arbeitgeber (AG) und die fachlich-organisatorische Aufsicht durch die verantwortliche Führungskraft vor Ort (FVO) war unzureichend bzw. fehlte.

November 2013
Es gibt Unternehmen, die haben den gesellschaftlichen Auftrag übernommen, allen die in Not sind, freiwillig und ehrenamtlich zu helfen, zu retten und zu bergen.
Dazu gehören die freiwilligen Feuerwehren, das Technische Hilfswerk und die Rettungsdienste.

Arbeiten für Menschen die in Not sind, erfolgen meist unter Zeitdruck, in unbekannter Umgebung und immer wieder neuen Situationen. Das erfordert von den Verantwortlichen und den Beteiligten hohe Improvisationsfähigkeit, um dennoch in allen Situationen die notwendigen Sicherheitsanforderungen zu gewährleisten.

Solche Arbeiten müssen geplant, trainiert, verantwortungsvoll geführt und immer sicher sein. Wenn das nicht erfolgt, wird der Retter selbst zum Notfall.

Genau das geschah im November 2013 an der Elbe beim Training von zwei Gruppen THW Helfern, die es fertig brachten, ein Boot zum Kentern zu bringen, was zur Folge hatte, das dabei zwei junge Frauen ertranken.
Ursachen: Die unternehmerische Planung und Umsetzung der Arbeiten durch den Arbeitgeber (AG) und die fachlich-organisatorische Aufsicht durch die verantwortliche Führungskraft vor Ort (FVO) war unzureichend bzw. fehlte.

Fazit:
Umgestürzte Bagger, umgestürzte Regale, umgestürzte Baumaschinen, abgestürzte Dachdecker und Solartechniker, umgestürzte gekenterte Rettungsboote sind nur die Spitze eines Eisbergs, den es zu heben gilt.

Alle beschriebenen Unfälle waren vermeidbar. Das diese dennoch täglich stattfinden, zeigt erhebliche Organisationsmängel und Kosteneinsparpotentiale in den beteiligten Unternehmen auf und bietet so Chancen für die Verbesserung vieler Prozesse in den Unternehmen.

Die Ereignisse sind meist ähnlich denen, wie 2012 auf der Costa Concordia, als Kapitän Schettino, der mal eben eine nicht geplante Kursänderung anweist und damit das Risiko eingeht, das das ihm anvertraute Schiff und die Mannschaft und die Passagiere beschädigt werden, dann kentert und letztlich vor der Hafeneinfahrt der Insel Giglio in Italien liegt. Hierbei kamen dann allerdings insgesamt 32 Beteiligte zu Tode. Mittlerweile dauert die Bergungsaktion der Costa Concordia vor Ort nahezu ein Jahr.

Wenn sie mehr wissen möchten, um derartige Risiken und die daraus resultie- renden Unfälle und Strafverfahren zu vermeiden, rufen sie uns an, kommen sie zum Seminar und schulen Sie ihre Mitarbeiter.

Hannes-Christian Blume
Geschäftsführer
SiDi BLUME
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Telefon: 0391- 59 727 - 0
Telefax: 0391- 59 727 - 25

 

 


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letzte Änderung: 16.03.2017